Kierkegaard und Henry

Sebastian Knöpker

Hammershoi_sunlightKierkegaard stellt in Entweder-Oder (1988) einen Typus menschlicher Subjektivität vor, der sich beständig darum bemüht, Lebloses in Anregendes zu verwandeln. Dieser praktizierte „dämonische Pantheismus“ ist in sich instabil, weil er keinen Moment der Leere zulässt, aber der gesteigerte Anspruch an das Sein, immer erfüllt zu werden, durch noch so elaborierte Transformationsleistungen des Indifferenten in das Lebendige nicht geleistet werden kann.

Das unausbleibliche Resultat dieser ästhetischen Lebensweise ist für Kierkegaard neben Angst die Langeweile, beides Zustände, aus denen der Ästhetiker bei richtiger hermeneutischer Interpretation einen Ausgang aus seiner beständig missglückenden Existenz finden kann. Diese Hermeneutik findet sich in komprimierter Form in Die Krankheit zum Tode (1986). Mangel an Sein wird dort nicht auf konkrete Erfahrungen der Existenz zurückgeführt, sondern auf deren fehlenden Seinsgrund. Denn der Mensch vermag sich in der Welt unmöglich zu gründen, weil es keine Übereinstimmung des Selbst mit seinen Synthesen geben kann, insofern das Selbst mit nichts übereinstimmen kann, da es in sich kein Sein aufweist.

Kierkegaard fasst den Menschen mithin von daher als ein ontologisch fragwürdiges Wesen auf, als dass dieser in seinem Sein zwar eindeutig bestimmt ist, dabei aber in seinem Sein keine Notwendigkeit aufweist. Es könnte auch anders sein, aber dass es gerade so ist, wie es ist, rettet den Menschen nicht vor der Frage nach dem Sinn seines Seins, welches in sich kein Wesen besitzt.

Das Selbst ist nach Kierkegaard nun nicht als Sein gegeben, sondern als Verhältnis, welches sich sein Sein erst erschaffen muss. D.h. das Selbst ist sich selbst unthematisch. Es findet in sich keine nähere Bestimmung, außer jener formalen, dass es sich zu sich selbst verhält, wie Kierkegaard schreibt: „Das Selbst ist ein Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält, oder ist das am Verhältnis, daß das Verhältnis sich zu sich selbst verhält; das Selbst ist nicht das Verhältnis, sondern daß das Verhältnis sich zu sich selbst verhält.“ (Kierkegaard, Die Krankheit zum Tode, 1986:13). Das Selbst als bloßes Verhältnis verschafft sich dabei greifbares Sein, indem es Fremdes in Akten der Synthese zu sich selbst macht. Diese Synthesen können aber nie über den Moment hinaus den Mangel an Bestimmung des Selbst aufheben, weil sie Akte sind und damit kein dauerhaftes Sein begründen. Ist der eine Syntheseakt vorüber, bedarf es eines nächsten, dessen Seinsgründung wiederum nicht über diesen Akt hinausgeht.

Die Gründung des menschlichen Seins ist für Kierkegaard nun in erster Linie deswegen defizitär, da es wesenhaft keine Richtung und kein Ziel besitzt. Hätte es durch sich selbst von Beginn an eine Gestalt, so hätte es die Möglichkeit, sich dazu zu verhalten, es also anzunehmen und zu leben, oder abzulehnen. So aber ist das Problem, dass es sich in seinem Wollen, es selbst zu sein, weder annehmen noch ablehnen kann, da es ja keinerlei Bestimmung in sich trägt, außer jener formalen, ein Verhältnis zu sich selbst zu sein.

Kierkegaard kennzeichnet diesen Mangel an Grund der eigenen Existenz als Verzweifelung, weil das Sein sich weder als Identität noch als Nicht-Identität setzen kann. Diese Form der Verzweifelung ist nicht die Verzweifelung über ein Etwas. Sie ist viel allgemeiner, und umfasst jede konkrete Verzweifelung als Ausdruck der Unmöglichkeit, sich zu gründen. Die Verzweifelung besteht im Zwang, sein Leben führen zu müssen, ohne Richtung und Ziel zu kennen. Die Gründung des Seins in der Welt, d.h. als Arbeitender, Familienmensch und Gottesdienstbesucher usw., bedeutet für Kierkegaard eine Flucht vor der absoluten Freiheit der eigenen Existenz. Denn unabhängig von dem materiellen und sozialem Gelingen dieser Gründung, dringt das Nichts in diese Existenzweise unvermeidbar ein. Das Nichts zeigt sich nach Kierkegaard in der Form der Angst und in der Langeweile: „Im Pantheismus liegt im allgemeinen die Bestimmung der Fülle; mit der Langeweile ist es umgekehrt: sie ist auf Leere gebaut, ist aber eben deshalb eine pantheistische Bestimmung. Langeweile ruht auf dem Nichts, das sich durch das menschliche Dasein schlingt, ihr Schwindel ist wie jener, der uns befällt, wenn wir in einen unendlichen Abgrund blicken, unendlich. Daß jene exzentrische Zerstreuung auf Langeweile gebaut ist, erkennt man auch daran, daß die Zerstreuung ohne Nachhall widerhallt, eben weil im Nichts nicht einmal so viel ist, daß ein Widerhall möglich wäre.“ (1988: 338). Die Langeweile soll also die Macht sein, welche den Menschen seine Situation spüren lässt, sich im Nichts aufzuhalten. Während in der Beschäftigung das Selbst sich mit den Dingen des Alltags in Berührung bringen kann, wird in der Langeweile die Unmöglichkeit der Berührung (=dem Gegründetsein in der Welt) offenbar. Nach Kierkegaard ist der Aufenthalt in der Beschäftigung des Alltags bereits eine nie ganz gelungene Flucht aus diesem Zustand der Haltlosigkeit, erlaubt aber eine Verharmlosung, die dann in der Langeweile und in der Angst nicht mehr so leicht zu haben ist.

Haben wir damit zwei Formen des Seinsmangels gewonnen: den der Selbstaffektion Henrys, die ihr Sein im Zweifelsfalle durch Leiden sicherstellt und jene Kierkegaards, so gesteht letzterer ersterem keine Eigenständigkeit und keine Relevanz zu, obwohl auch für Kierkegaard das Existieren pathisch gegründet ist. Denn die Gründung in der Welt gelingt für Kierkegaard ohne Probleme, da Hunger oder Armut in dieser ontologischen Perspektive keineswegs Misslungenes darstellen, weil sie ja Anhänglichkeit an ein jeweils konkretes Seiendes bedeuten. Ist das Selbst ursprünglich ohne Sein, so findet es in der Synthese dessen, was die Welt bereithält, einen Halt.

Die Seinswerdung des Menschen bei Kierkegaard lässt sich nun in folgenden Stufen zusammenfassen: (1.) das Selbst als bloß formales Verhältnis zu sich selbst, (2.) die Selbstwerdung in der Synthese von Sein durch Einholen von Drittem und (3.) das Scheitern dieser Selbstwerdung im Verfehlen des Grundes des Selbst. Wenn dies so ist, so ist der zweite Punkt bei Kierkegaard nur Durchgangsstation. Die Gründung des Seins wird nämlich bereits von Punkt (3.) her gesehen, und ist damit argumentativ aus dieser Logik heraus gar nicht einer Begründung bedürftig. Bei Kierkegaard fällt überhaupt die von ihm behauptete Leichtigkeit auf, mit der es dem Menschen gelingt, einen Halt in der Welt zu finden. Das Selbst ist nur ein formales Verhältnis zu sich und gründet sich jeweils in der Synthese des Fremden zum Vertrauten. Warum aber gelingt das Seinsstreben, d.h. die Synthesen mit dem Fremden in der Welt so einfach? Wie schafft es der Mensch aus den Vorgängen, Ereignissen und Beständen der Welt Erlebnisse zu gewinnen? Der Übergang von dem Äußeren zum Erlebnis, fundiert als Selbstaffektion, wird bei Kierkegaard zugunsten des Fortschreitens seiner tieferen Gründungsproblematik übersprungen. Das Nichtgelingen der Gründung des Seins liegt nicht in den einzelnen Akten der Synthese des Selbst, sondern in der Struktur dieser Synthese: es fehlt darin an Grund.

In Kierkegaards Entwurf fehlt mithin die Berücksichtigung der sogenannten phänomenologischen Differenz Henrys. Wenn gilt, dass das Wie als die Erscheinungsweise des Was (Seiendes) nicht in einer eidetischen Kontinuität zu diesem steht, so kann das Wesen des Seienden sich nicht verfehlen. Verfehlte es sich, so könnte es sich auch nicht phänomenalisieren. M. a. W. wäre es nicht verständlich, wie die fundamentale Problematik der Seinsgründung Kierkegaards sich im Dasein bemerkbar machen könnte. Und Kierkegaard selbst muss zugestehen, dass viele Menschen nicht in der Lage sind, sich zu langweilen, weil sie höchstens Müßiggang empfinden können: „(…) Müßiggang kann freilich durch Arbeit aufgehoben werden, da diese ihr Gegensatz ist, nicht aber die Langeweile, wie man ja auch daraus ersieht, dass die allergeschäftigsten Arbeiter, die in ihrem emsigen Gebrumm am wildesten schwirrenden Insekten, die allerlangweiligsten sind; und wenn sie sich nicht langweilen, so kommt es daher, dass sie keine Vorstellung davon haben, was Langeweile ist; damit aber ist die Langeweile nicht aufgehoben.“ (1988: 337). Kierkegaard entwickelt hier das Ressentiment, Geister mit wenig Tiefe nicht ungeschoren davonkommen lassen zu können. Denn alle Menschen müssen seiner Ontologie zufolge vom Schwindel der ontologischen Haltlosigkeit erfasst werden, aber manche werden es eben nicht. Diese Menschen führen zwar ein für sich selbst unwesentliches Dasein, werden dafür aber nicht mit dem Nichts konfrontiert. Kierkegaard versucht das Problem mit dem rhetorischen Schwung seines Stils zu lösen, ohne den zugrunde liegenden empirischen Befund auflösen zu können.

Die strukturelle Problematik von Kierkegaards Auffassung menschlichen Seins macht also die Unmöglichkeit aus, Probleme der Selbstaffektion als ontologisch eigenständig aufzufassen. Möchte man aber die Problematik des ens causa sui ernst nehmen, so muss man in Bezug auf die Langeweile erst all jene Fälle untersuchen, wo sie nicht auf Kierkegaards ontologischer Gründungsproblematik beruht, sondern auf der Ebene der Selbstaffektion. Die Vorgängigkeit der Untersuchung der selbstaffizierenden Daseinsgründung ergibt sich zwingend aus Kierkegaards Genealogie des Daseins als Werden. Denn zunächst ist das Selbst für ihn nur ein formales Verhältnis zu sich selbst, also noch kein Dasein. Es gewinnt Dasein, indem es sich auf das, was es nicht ist, einlässt, muss dann aber in Zuständen wie Langeweile und der Angst bemerken, dass es damit sein Dasein noch nicht gewonnen hat. Wenn aber das alltägliche Dasein für Kierkegaard die Basis für das Gewinnen eines Verständnisses und der Möglichkeit der Lösung der Daseinsproblematik ist, dann geht es dem eigentlichen Dasein voraus. Es als ungenügendes Dasein zu disqualifizieren setzt aber voraus, es als ungenügend im Sinne des mangelnden Grundes zu qualifizieren.

Wie sich aber Kierkegaards ontologischer Mangel überhaupt gegenüber der Problematik der Selbstaffektion als eigenständig auszuweisen vermag, ist unklar, weil eben die Selbstaffektion notwendig eine Identität von dem Wesen als Wie des Phänomens und dem Seiendem als das Was des Phänomens zur Bedingung hat. Eine ontologische Differenz findet in dieser Konstellation aus grundsätzlichen Erwägungen heraus keinen Platz.

Das Ergebnis dieser Untersuchung von Kierkegaards Seinsmangel ist es somit, dass Henrys Konzept der Selbstaffektion eine Analyseebene eröffnet, welche gegenüber der Kierkegaard`schen Gründungsproblematik vorgängig ist. Kierkegaards Formen der Entfremdung von sich setzen bereits die Selbstaffektion voraus, ohne den Sinn dieser Phänomene des Mangels in sich verstehen zu können. Jene Immanenz, welche erst die Transzendenz des Seinsmangels anzeigt, ist Grund dieses Mangels, in sich selbst aber kein Mangel, sondern Fülle.

Literatur

Kierkegaard, Sören (1986²): Die Krankheit zum Tode, Frankfurt a. M.

-, (1988): Entweder – Oder, Teil I und II, München