Phänomenologie erklärt: Was ist Appräsentation?

330px-Bundesarchiv_Bild_183-2005-0728-524,_Schlachtung_eines_SchweinsDie Phänomenologie musealisiert und verstaut sich selbst im Archiv. Ihre Anschaulichkeit beschränkt sich auf Fotografien alter Männer in Schwarzweiß, die streng in die Linse schauen. Zentrale phänomenologische Begriffe wie Apperzeption, Abschattung und Reduktion werden entsprechend nicht plastisch und anschaulich erklärt, sondern ernsthaft ungünstig durch noch abstraktere Begriffe wiedergegeben.

Eine andere Phänomenologie ist möglich. Das Beispiel dafür kommt aus einem chinesischem Schlachthaus, wo der Schlachter erklärt, was unter dem Begriff „Appräsentation“ zu verstehen ist. Generell meint Appräsentation Mitgegenwärtigkeit. Es bezeichnet also beispielsweise das, was in der Dingwahrnehmung ohne Anschaulichkeit mitgegeben ist. Diese Anwesenheit ohne Anschaulichkeit wird in Dschuang Dsïs „Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“ am Beispiel des Schlachters aufgezeigt.

Wer die Schilderungen des Metzgers aufmerksam liest, wird die Einheit von aktueller Wahrnehmung und Erinnerung an sich selbst nachvollziehen können. Dasselbe findet sich nicht nur beim Schlachten, sondern auch bei anderen handwerklichen Tätigkeiten, bei der Gartenarbeit oder beim Kochen.

Dschuang Dsï: „Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“, Buch II, Kap. 2

Der Fürst Wen Hui hatte einen Koch, der für ihn einen Ochsen zerteilte. Er legte Hand an, drückte mit der Schulter, setzte den Fuß auf, stemmte das Knie an: ritsch! ratsch! – trennte sich die Haut, und zischend fuhr das Messer durch die Fleischstücke. Alles ging wie im Takt eines Tanzliedes, und er traf immer genau die Gelenke.

Der Fürst Wen Hui sprach: »Ei, vortrefflich! Das nenn’ ich Geschicklichkeit!« Der Koch legte das Messer beiseite und antwortete zum Fürsten gewandt: »Der SINN ist’s, was dein Diener liebt. Das ist mehr als Geschicklichkeit. Als ich anfing, Rinder zu zerlegen, da sah ich eben nur Rinder vor mir. Nach drei Jahren hatte ich’s soweit gebracht, daß ich die Rinder nicht mehr ungeteilt vor mir sah. Heutzutage verlasse ich mich ganz auf den Geist und nicht mehr auf den Augenschein. Der Sinne Wissen hab’ ich aufgegeben und handle nur noch nach den Regungen des Geistes. Ich folge den natürlichen Linien nach, dringe ein in die großen Spalten und fahre den großen Höhlungen entlang. Ich verlasse mich auf die (anatomischen) Gesetze. Geschickt folge ich auch den kleinsten Zwischenräumen zwischen Muskeln und Sehnen, von den großen Gelenken ganz zu schweigen.

Ein guter Koch wechselt das Messer einmal im Jahr, weil er schneidet. Ein stümperhafter Koch muß das Messer alle Monate wechseln, weil er hackt. Ich habe mein Messer nun schon neunzehn Jahre lang und habe schon mehrere tausend Rinder zerlegt, und doch ist seine Schneide wie frisch geschliffen. Die Gelenke haben Zwischenräume; des Messers Schneide hat keine Dicke. Was aber keine Dicke hat, dringt in Zwischenräume ein – ungehindert, wie spielend, so daß die Klinge Platz genug hat. Darum habe ich das Messer nun schon neunzehn Jahre, und die Klinge ist wie frisch geschliffen. Und doch, so oft ich an eine Gelenkverbindung komme, sehe ich die Schwierigkeiten. Vorsichtig nehme ich mich in acht, sehe zu, wo ich haltmachen muß, und gehe ganz langsam weiter und bewege das Messer kaum merklich – plötzlich ist es auseinander und fällt wie ein Erdenkloß zu Boden. Dann stehe ich da mit dem Messer in der Hand und blicke mich nach allen Seiten um. Ich zögere noch einen Augenblick befriedigt, dann reinige ich das Messer und tue es beiseite.« Der Fürst Wen Hui sprach: »Vortrefflich! Ich habe die Worte eines Kochs gehört und habe die Pflege des Lebens gelernt.«