Lebensphänomenologie als Hedonismus? Eine Einführung.

6. – 7. Februar 2015, Berlin, mit Rolf Kühn und Sebastian Knöpker, Institut für Existenzanalyse und Lebensphänomenologie Berlin

Signalwerk Leben BannerAuf Genuss aus zu sein und daraus ein Lebensprinzip zu machen, gilt vielen als unfein und banal. Dafür stehen sinnbildlich drei Tiere: das Schwein, das sich auf jede Leckerei in seiner Nähe grunzend stürzt, das anspruchslose Hundeglück des Vierbeiners und die Auster, die so in sich verschlossen ist, Glück ohne Namen, Ich und Du zu sein. Die schweinischen Lüste gelten dabei als Ausdruck der Banalität des Lustsuchers, der keinen Zugang zu einem Leben höheren Sinns hat, während das Verschlossensein der Auster das Symbol für ein lustvolles Leben ist, das seinen eigenen Namen nicht mehr kennt, weil es in einer langen Folge von Lüsten und Genüssen seine Individualität verloren hat.

Der schweinische Lustvielfraß, der Hundehedonist und der austernhafte Lüstling sind Sinnbilder für schlecht gelebte Genüsse, was aber nicht gegen die Lüste als solche spricht. Vielmehr können Schweinsein und hündischer Hedonismus neu erfunden werden, so wie Epikur, das Lustschwein unter den Philosophen, und Diogenes in der Tonne, „der Hund“ genannt, es auch gemacht haben. Epikur hat dabei nicht nur das Schwein, sondern vor allem den Menschen neu erfunden, so dass am Ende seiner Lustsuche mehr ein neues Menschsein als ein glücklicher Mensch stand. Das Leben im epikureischen Garten der Lüste sicherte das Seelenheil, und das des „zynischen“ Hundes Diogenes die Freiheit, während Glückseligkeit und dauerndes Genießen kaum eine Rolle spielten.

Beide weisen den Weg für eine fröhliche Menschenkunde als Gebrauchsanweisung für das gute Leben, denn ihr Programm kombiniert Selbstverfeinerung, Neuerfindung des Menschen und Genuss und Glückseligkeit. Da sie aber auf halber, viertel oder eher zehntel Frequenz der Lust stehen geblieben sind, braucht es dabei über die beiden alten Griechen hinaus ein gutes Leben, das die Lüste und Genüsse nicht vergisst, sondern in das Leben zurückholt. Ein solch gutes Leben ist mehr als die Maximierung von Lust, da das gute Leben über die Lust hinaus heißt, das in seiner Lebendigkeit zu entfalten, was in ihm steckt.

Mit der Lebensphänomenologie Michel Henrys kann diese fröhlichen Anthropologie Wirklichkeit werden, was im Seminar anhand der Erotik, des guten Essens und des Schweigens gezeigt werden soll. Diese drei unterschiedlichen Bereiche des Genusses sollen den weiten Horizont des Hedonismus ausloten und zugleich auch eine Einfürhung in die Phänomenologie des Lebens sein.

Ort: Institut für Existenzanalyse und Lebensphänomenologie

Lietzenburgerstr. 39

10789 Berlin

Zeit: 6. – 7. Februar 2015, Freitag 16 – 19 Uhr und Samstag 10 -17 Uhr

 

 

Michel Henrys Leben im Überblick

Sebastian Knöpker

Michel Henry kommt am 10.1 1922 in Haiphong, einer Stadt im damaligen Französisch-Indochina, zur Welt. Der Vater, ein Marinekommandant der französischen Armee, stirbt bald danach durch einen Verkehrsunfall. Die Mutter Henrys kehrt in der Folge mit ihren beiden Söhnen nach Frankreich zurück, wo Michel Henry in einem der Kunst zugeneigten großbürgerlichen Umfeld aufwächst.

Nach seinem Abitur beginnt er ein Philosophiestudium, welches er 1943 an der Universität Lille mit einer Arbeit über Spinoza abschließt (Le bonheur de Spinoza). Um dem Service du travail obligatoire, einer Zwangsarbeit für das damals von den deutschen besetzte Frankreich zu entgehen, schließt er sich den Reihen der französischen Widerstandsbewegung gegen die deutsche Besatzung als Partisan der Résistance (Macquis) an. Wie auch auf allen weiteren Stationen im Leben Henrys bedeutet das jedoch nicht eine Unterbrechung der geistigen Arbeit Henrys, da die Maquisarden zunächst kaum Waffen, Geld und Nahrung besaßen, wohl aber Zeit, die Henry zu nutzen weiß, etwa für das Studium von Immanuel Kants Kritik der reinen Vernunft, welches ihm in der Folge den Decknamen „Kant“ einbringt. Unter diesem Pseudonym erledigt Henry Botengänge für die Übermittlung von Informationen und teilweise auch Waffen, die ihn durch ganz Frankreich führten. Sein Glück bei diesen Missionen ist es, in Paris oder Lyon in Bibliotheken gehen zu können, um dort seine Studien fortzuführen.

Im Jahr 1945 schließlich absolviert er erfolgreich die Agrégation, also die Aufnahme in den höheren Schuldienst an Gymnasien als Lehrer für Philosophie. In der Folge tritt er in Casablanca seinen Schuldienst an, ohne aber daran zu denken, dauerhaft als Lehrer zu arbeiten. In dieser Zeit notiert er in seinem Tagebuch „Die Aggregation geschafft. Müde. Was soll ich nun machen? Schreiben, ganz ohne Zweifel.“ (Brohm, J. / Leclercq, J. (Hg.) (2009): Michel Henry, Éditions L’Age d’homme, Lausanne, S. 7). Dieser Berufung kann er in den folgenden Jahren auch nachgehen, da er verschiedene Stipendien u.a. vom CNRS erhält. In dieser langen Zeit von 1946 bis Anfang der 1960er Jahre verfasst Henry seine thése d’état, eine 1963 erfolgreich verteidigte Doktorarbeit, die aus zwei Schriften besteht und die 1963 als L’Essence de la manifestation und 1965 unter dem Titel Phénoménologie et philosophie du corps veröffentlicht werden. Dabei handelt es sich nicht um seine ersten Veröffentlichungen, da Henry bereits 1948 eine von Kafka und Kierkegaard inspirierte philosophische Erzählung über das Böse unter dem Titel Le jeune Officier publizieren konnte. Auch später noch schrieb und veröffentlichte Henry Romane, darunter L’amour les yeux fermés (1976) und Le Cadavre indiscret (1996), die ebenfalls jeweils philosophisch inspiriert sind.

Im Alter von 38 Jahren wird Michel Henry schließlich zum Maître de Conférence (Privatdozent) und schließlich zum Professor für Philosophie an der Universität Montpellier ernannt, wo er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1982 lehren wird. Jedoch wird er in dieser Zeit nicht so wie Michel Foucault, Paul Ricœur oder Emmanuel Lévinas zu einer intellektuellen Leitfigur des damaligen Frankreich, sondern war nur einem kleineren Kreis von Interessierten bekannt. Henry konzentrierte sich auch vielmehr auf die Ausarbeitung seines Gedankens, den der Selbstaffektion, verstanden als transzendentale Affektivität, welche der Grund allen Lebens ist. Diese große These aus L’Essence de la manifestation ist auch leitend für seine Auseinandersetzung mit den Werken von Karl Marx, die er 1965 beginnt und die als Fundamentalontologie der politischen Ökonomie unter dem Titel Marx 1976 in zwei Bänden erscheinen. In dieser Phase seines Denkens wendet er die Denkfigur der Selbstaffektion auf verschiedene Bereiche des Daseins an, und zwar auf die politische Ökonomie, auf die Psychoanalyse (Généalogie de la psychanalyse (1985)), die Krise der Gegenwartskultur und ihrer Gesellschaften (La Barbarie (frz. 1987/dt. 1994)) und die abstrakte Kunst (Voir l’invisible. Sur Kandinsky (1988)).

Erst mit der Ausarbeitung von C’est moi la vérité (1996) (dt. „Ich bin die Wahrheit“) kommt es zu einer substanziellen Weiterführung seiner Phänomenologie des Lebens, in welcher der transzendentale Ursprung des Lebens bestimmt wird. Henry versucht dabei, die Selbstaffektion unter Verwendung christlicher Quellen in ihrem transzendentalen „Quellgrund“ zu ergründen. War es in L’Essence de la manifestation nur angedeutet, dass die transzendentale Affektivität, welche alles Leben als Sich-Erscheinen ermöglicht, selbst bedingt ist, so arbeitet Henry diese Bedingung als Letztbegründung allen Lebens in C’est moi la vérité, Incarnation (frz. 2000/ dt. 2002) und Paroles du Christ (frz. 2002/dt. 2010) aus. Die Letztfundierung wird dabei von Henry in einer gegenseitigen Innerlichkeit von Gott und Christus angegeben, was sich phänomenologisch als eine Selbstaffektion in der Selbstaffektion verstehen lässt. Damit erweitert er sein Werk, welches 2002 mit Paroles du Christ seinen Abschluss findet, da Henry nach den letzten Korrekturen an diesem Buch im Alter von achtzig Jahren stirbt.