Rolf Kühn: Trieb und Erotik

„Unsichtbare Erotik“ als Paradigma für Intersubjektivität und Therapie

Leonardo_da_vinci,_Study_of_man_proportionDer Trieb ist gemäß lebensphänomenologischer Sicht zutiefst in der immanenten Affektivität verwurzelt und erscheint als triebhafte Intentionalität unbegrenzt und unreflektiert, was die subjektive Bewegung in ihrer sichtbaren Kontingenz betrifft. Von Autoren wie Husserl, Freud und Scheler etwa wird zwischen dem unbewussten Trieb und der bewusst werdenden Tendenz des Triebes eine Zwischenzone angesetzt, die aus dem scheinbar „blinden Begehren“ ein Moment der Verbindung von Instinkt und Wollen darstelle, um schließlich in ein ethisch orientiertes Handeln überzugehen. Diese „Reifung“ des Triebes kann in leiblicher Hinsicht als eine dreiteilige Dynamik von animalischem, libidinösem und symbolischem Leib angesehen werden, wie beispielsweise bei Merleau-Ponty, der diese Dynamik zudem mit der motorischen, erotischen und existentiellen Intentionalität im Allgemeinen korrelieren lässt. Die Unterscheidung zwischen Instinkt und Trieb entspräche dabei nicht genau der Unterscheidung zwischen Tier/Mensch, denn der libidinöse Trieb findet sich bei den höheren Tierlebewesen wie bei den Menschen, während die symbolisierte Leiblichkeit nur bei den letzteren auftrete.

Was die gegenwärtige phänomenologische Diskussion betrifft, so wird weitgehend Trieb und Wahrnehmung zusammen gesehen, und zwar in dem Sinne, dass die Wahrnehmung vom Trieb durchzogen sei, um eine „innere Spannung“ zu signalisieren, die den Organismus antreibe, sofern dieser von einem Bedürfen bestimmt ist, welches ein entsprechendes Objekt der Befriedigung vorzeichne. Von diesen Voraussetzungen her erscheint das Leben zumeist als ein Widerspruch oder eben als eine wesentliche Spannung zwischen physisch-chemischen Gegebenheiten und einem Verhalten, welches das Innere mit dem Äußeren zu verbinden habe. Aber es ist offensichtlich, dass der Trieb (bzw. die Triebhaftigkeit, um Tier und Mensch bereits auf der Instinktebene zu unterscheiden) mehr darstellt als die bloß animalische Spannung, um ein Bedürfen zu befriedigen, denn gerade unser Begehren zeigt, dass bei letzterem stets ein subjektives Verlangen in Bezug auf das Selbst oder Ich mitgegeben ist, während das Bedürfen als nur gegenständlich angesehen wird. Dies tritt ganz klar im erotischen Begehren zu Tage, denn letzteres erfüllt sich nicht allein in einem sexuellen Verlangen, sondern sucht eine Koinzidenz der Subjektivität auf beiden Seiten der Liebenden, so dass hier eine Immanenz des Lebens ins Spiel kommt, die hinsichtlich des Begehrens und des Triebes genauer zu untersuchen bleibt.

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