Phänomenologische Bildbetrachtung: Wassily Kandinskys „Hommage à Grohmann“

von Christa Blanke (Lauf)

Hommage à Grohmann, 1926, Öl auf Leinwand, 60×45 cm

Ansicht  des Bildes hier

Auf einem verschwommenen, verwaschenen Hintergrund (Urgrund), der an den Rändern hell-gelblich ist und zur Mitte hin (mehr oder weniger stufenweise) dunkler wird, heben sich (meist) klar umgrenzte Strukturen ab. Ein wenig links von der Mitte ragt von unten (beginnend im Urgrund) nach oben über fast die ganze Länge des Bildes, ein Pfeil, von dem im unteren Zweidrittel ein Halbkreis ausgeht. Sehr auffällig ist im oberen Drittel ein leuchtendes, orange farbiges Dreieck: schräg nach unten rechts geneigt, den Pfeil mit der linken Ecke kreuzend und mit dem („göttlichen“) Dreieck an der Spitze des Pfeils korrespondierend. Es wird von einem schräg verlaufenden dünnen Stab, ebenfalls von links nach rechts abfallend und von einem großen blauen Fleck unterbrochen.

Als Gegenpart zu diesem sich leicht abwärts (rückwärts?) neigenden Bewegungen drängt ein spitzer Speer von links unten, den Hauptpfeil und den (Bauch-)Halbkreis querend, nach rechts oben und endet kurz vor dem orangen Dreieck.

Auf der linken Seite gehen in der oberen Bildhälfte von der zentralen (Wirbel-)säule, dem Lebenspfad, der aufsteigenden Linie des Lebens, drei helle, spitze, halbrunde Gebilde aus, die an Baggerzähne, Elefantenstoßzähne, auch an Rippen erinnern und mit zwei ähnlichen (aber schwarzen) im „Schwangeren Bauch“ korrespondieren, bzw. sich mit ihnen zu Kreisen schließen könnten.

Der lange Mittelpfeil, das „Rückgrat“, das nach oben hin immer schmaler wird und (als „Ende“ des Lebens) in einem gelben, gleichseitigen Dreieck „aufhört“, beginnt und bleibt bis zur Hälfte schwarz, wechselt dann ein paar Mal seine Farbe (durch die überlagerten Körper bedingt) und endet wiederum schwarz wie zu Beginn des Lebens.

Die Aufwärtsbewegung wird ein paar Mal unterbrochen: durch einen waagerechten schwarzen Balken, der den Pfeil mit dem „Bauch“ verbindet; ein klein wenig weiter oben durch den schrägen Speer; erhält in der unteren Bildhälfte rechtseitig einen Beistand, eine Verstärkung (intra- oder intersubjektiv) durch einen dunklen, violetten, fast nicht wahrnehmbaren Balken und wird unterbrochen oder erweitert sich, fast in der Mitte, durch ein kleines, buntes Quadrat, das wiederum gut ein Viertel (rechts unten) eines größeren leuchtend roten Quadrates ausmacht, welches von den erwähnten „Rippen“, einem grünen, kreisförmigen Gebilde und einen blauen Fleck, der einen kleinen Satelliten hat, unterbrochen wird.

Im kleinen bunten Quadrat versammeln sich in Form von Quadraten, Rechtecken und anderen Flächen auf kleinem Raum alle klaren Farben des gesamten Bildes. Es ragt auch in den „schwangeren Bauch“ hinein und „gibt ihm Farbe ab“.

Der hell-beige Außen-Halbkreis ist der hellste Teil des Gemäldes und enthält in seinem blau/grün/grauen Innern viele sehr kleine und einige etwas größere schwarze und einem gelben und drei sich schon im äußeren Ring sich befindende Punkte: die „ungeborenen“ Kinder. Fünf andere dieser verschieden farbigen Kreise sind übers Bild verstreut und grenzen sich deutlich vom verschwommenen Untergrund ab, haben sich individuiert. Der Mutterbauch wölbt sich als schmaler blau-grauer Sack über den zentralen Pfeil in die linke Bildfläche.

Kandinsky macht uns das Leben, das ja an sich unsichtbar ist, „sichtbar“, d.h. fühlbar: Das Leben in den Modalitäten unserer Seele: in seinen Auf- und Abwärtsbewegungen, in seinem Streben nach „Oben“, ins Göttliche (gelbes Dreieck über dem an die Ostkirche erinnernden Kreuz: Kandinskys Russland), in seinen Verdichtungen und Intensitäten (buntes Quadrat/Kreisflächen), in seiner Freude (leuchtendes Rot und Orange) und in seiner Dunkelheit (schwarzer Teil der Säule; in der Nacht des „Bauches“, aus dem neues Leben entsteht), in der Aggression der „Zähne“, in der Selbststeigerung (buntes Quadrat) in der Mitte des Lebens, die immer schon und in jedem Augenblick da ist: das sich selbst affizierende Leben, das sich stets neu gebiert und sich abhebt vom Urgrund und doch mit ihm und allem anderen Mit-Sein verbunden bleibt.

Reines Weiß als Vor-aller-Farbe, als reine Möglichkeit, kommt in diesem Bild nicht vor: alles hat schon eine gewisse Potenz, alles hat schon sein „Ich-kann“. Dieses Kunst-Werk als Raum für den Ausdruck der absoluten Subjektivität des Lebens mit all seinen Potenzialitäten, des Zusammenspiels der Spannung und Kraft erzeugender Elemente, der Melodie des Lebens als Symphonie, als Zusammenklang, des Lebens in seiner Fülle, Leichtigkeit und Schwere („Gravidität“ des Bauches), in seinem Leid (des Kreuzes), als Kosmos des Lebens.

Literatur:

Michel Henry, La Barbarie, Grasset: Paris, 1987

Michel Henry, Sur Kandinsky, Bourin: Paris, 1988

Wassily Kandinsky, Punkt und Linie zur Fläche, Benteli: Bern, 1973

Wassily Kandinsky, Über das Geistige in der Kunst, Benteli: Bern, 1952

Rolf Kühn, Leiblichkeit als Lebendigkeit, Alber: Freiburg u. München, 1992