Phänomenologie des Ergreifens

Sebastian Knöpker

da vinci fleuveWenn es einem Menschen an etwas fehlt, so kann es am zu Ergreifenden fehlen, also an einem Gegenstand, an einer guten Gelegenheit, an sozialen Kontakten. Oft mangelt es aber nicht daran, weil das zu Ergreifende vor einem steht; das gewünschte Ding ist da, die günstige Gelegenheit jetzt gegeben ist, aber der Zugriff selbst, der »letzte Meter«, kann nicht erfolgen und zurückgelegt werden, weil man nicht weiß, wie man das so Nahe ergreifen kann. In dem Maße, wie man die Erfahrung eines Überreichtums an Dingen und Gelegenheiten macht, muss man bemerken, dass der Mangel nicht auf der Seite des Gegenständlichen steht, sondern auf jener des Ethos des Ergreifens. Will man aber im Leben nicht dürsten, frieren und nicht hungern, so muss man bestimmter Dinge habhaft werden, diese in den Griff bekommen und sie ergreifen. Die Mängel des Dürstens und Frierens beruhen darauf, dass etwas nicht in Reichweite ist, und wenn es dann doch zur Verfügung steht, so kann es ohne Weiteres ergriffen und genutzt werden. Anders ausgedrückt, mangelt es in diesen Fällen des ohne weiteres Ergreifbaren am zu Ergreifenden, nicht aber an den Weisen des Ergreifens. Und so scheitert auch kein Hungernder daran, das vor ihm stehende Essen zu sich zu nehmen. Aber der Schlaflose scheitert daran, in den Schlaf zu kommen, auch wenn alles für den Schlaf optimal vorbereitet worden ist. Das Problem des Menschen ohne Schlaf ist es also, dass die Weise des Ergreifens des Schlafes selbst unbekannt ist, weil der Schlaf nicht wie ein Gegenstand ergriffen werden kann. Das Urbild des Ergreifens als »in die Hände bekommen«, »im Griff haben« und »etwas habhaft machen«, um Leere in Fülle zu wandeln, führt in dem Falle des Schlafs in die Irre, genauer bestimmt, führt es gemäß diesem Urbild zu einem Danebengreifen. Es ist also zwischen dem Ergreifen eines Gegenstandes und dem Ergreifen von etwas als lebendig Erlebtem zu unterscheiden. Das Ergreifen des Lebendigen kann nämlich leicht misslingen, so auch beim Hören von Musik, bei dem sich diese Musik nicht als das Lebendige gibt, was von ihr erwartet wird. Die Fähigkeiten des Ergreifens sind in diesen Fällen des Danebengreifens intakt – man hört gut, man kann das Gehörte zu Kadenzen, Melodien, Rhythmen bilden, aber das Lebendige des Musikerlebens gibt sich nicht dem Hörenden.

Vollversion des Textes hier: Phänomenologie des Ergreifens