Frank Wörler: Das Symbolische, das Imaginäre und das Reale

Wörler_LacanRezension

Frank Wörler: Das Symbolische, das Imaginäre und das Reale

– Lacans drei Ordnungen als erkenntnistheoretisches Modell, 292 Seiten, ISBN 978-3-8376-3261-3, 34,99 €, Bielefeld: transcript, 2015

Die Philosophie entdeckt für sich immer wieder bestimmte Themen und macht sie sich zu ihrer Aufgabe. Der Leib ist eine dieser Entdeckungen, die aber nicht zu einer reichen und ausführlichen Literatur führte, sondern zu der Notlösung des Platzhalters, dem Thema grundsätzlich eine große Bedeutung beizumessen und einen Platz frei zu halten. Auch die Rolle der Phantasie und der Symbolik in der Wissenschaftstheorie haben einen solchen Status des Platzhalters: es ist allgemein anerkannt, dass jede Theoriebildung auf Symbole und imaginäre Setzungen zurückgreift, aber die Rolle dieser funktionalen Phantasieleistungen bleibt vage. Frank Wörler will nun mit seiner Untersuchung, diesen leeren Anspruch auf Berücksichtigung des Imaginären gerecht werden, indem er die Psychoanalyse von Jacques Lacan zum Ausgangspunkt nimmt.

Lacans Denksystem als Grundlage für eine Wissenschaftstheorie? Das überrascht, ist aber plausibel, wenn bestimmte Aspekte seines Werkes, so wie etwa die Rolle des Unbewussten in psychoanalytischer Hinsicht oder die Verrätselungstendenzen Lacans des Realen ausgeklammert werden. Frank Wörler stützt sich stattdessen auf Lacans erkenntnistheoretische Trias, gebildet aus den Kategorien des Symbolischen, des Imaginären und dem Realen. Mittels einer „epistemologischen Reformulierung der drei Ordnungen“ (S. 11) will Frank Wörler den engen psychoanalytischen Rahmen verlassen und zeigen, wie der Mensch mit der Bildung von Symbolen einen Zugang zur Welt schafft, die so aufgefasste Welt neu bestimmt und in diesem Prozess zu immer neuen funktionalen Symbolen fortschreitet.

Raum, Zeit, Innen, Außen, Subjekt, Objekt, Objektrelationen, Identität, Alterität, Kategorien, Formelbildungen, Kausalität, Individuelles und Allgemeines bilden einen Rahmen, mit dem das Wirkliche operationalisiert werden kann. Wie sehr man dabei aus naturwissenschaftlicher Sicht der Wirklichkeit entspricht, ist zunächst eine praktische Frage der Vorhersagbarkeit bestimmter Ereignisse in einem Wirklichkeitsausschnitt, eine Frage der Bestimmbarkeit und der Produktion von Materie, Stoff, Energie und der Widerstandsbemeisterung physikalischer Konstellationen. Daraus ergibt sich eine umfassende Philosophie symbolischer Ordnungen, die nicht mehr einen Anspruch auf Abbildung der Wirklichkeit erhebt, sondern auf ein Verweis der Symbolsetzungen als regelhaftes und relationales Gefüge.

Naturwissenschaftler wie Hermann von Helmholtz wussten natürlich um diese operativen Symbolisierungen und konnten sie auch reflexiv erfassen, haben aber einen erkenntnistheoretischen Optimismus beibehalten. Alles ist auch Konstrukt, aber in der praktischen Verwertbarkeit im Umgang mit der Welt, zeigt sich demnach, dass man das Wesentliche erfasst.

Der Philosoph Ernst Cassirer verhielt sich dieser optimistischen Sichtweise gegenüber kritischer und radikalisierte die modernen Ontologien als Schöpfungen symbolischer Verweisungszusammenhänge, die ein umfangreiches Eigenleben führen und Wirklichkeit oft erst hervorbringen und nicht in einem Beziehungsgefüge der Repräsentation erfassen (vgl. S. 59 ff.). Cassirer begründet damit aber nicht einen Konstruktivismus und Relativismus, sondern eine Idee von Objektivität, die erstaunlich stark an idealistische Ontologien erinnert. Was also auch immer an Symbolen und Phantasieleistungen Eingang gefunden hat, so kann es als Kulturleistung doch nicht als beliebig ausgewiesen werden. Im Gegenteil gewinnt es als Symbolordnung eine hohe ontologische Wertigkeit.

Cassirers Philosophie geht also von symbolischen Formen aus, „die auf Funktionsbegriffen aufsetzen und die Substanzbegriffe hinter sich lassen“ (S. 50), lässt sich sein Vorgehen zusammenfassen. Der Autor Frank Wörler entnimmt diesem Vorgehen einen wichtigen Aspekt für seine Arbeit, nämlich die allmähliche Auflösung von Gegensatzpaaren wie „subjektiv/objektiv“ und „Innen/Außen“. Da Cassirer immer noch stark der Objektivität anhängt und sei es auch nur in der Form eines Zeichensystems, das nicht so sehr auf außersymbolische Referenten aufbaut, sondern auf seine innere Verweisungsstruktur, bringt er mit Lacan einen Denker ins Spiel, der als häretischer Nachfolger Sigmund Freuds den Leistungen der Subjektivität einen größeren Raum gibt.

Es gibt für Lacan einen weiten Bereich des Außersymbolischen, in dem sich die Entgrenzung der Dualismen so weit vollzieht, dass darin Ordnungen ganz besonderer Art entstehen. Der Autor stellt einige Beispiele für dieses Paradigma des Außersymbolischen anhand von Bergson dar (vgl S. 69 ff.). Dessen Konzept von Raum und Zeit ist als durée vécue und espace vécue, also als gelebte und subjektive Wirklichkeit von den Raum- und Zeitvorstellungen der Naturwissenschaften stark abgesetzt und findet ihre Substanz in phänomenologisch-plastischen Beschreibungen, die nachfolgend begrifflich abstrahiert werden, ohne dabei allzu stark in Symbolen aufzugehen. Der Beweis dafür zeigt sich in der Inkompatibilität mit den naturwissenschaftlichen Symbolverweisungen.

Der Autor will sich nun in dem Bereich zwischen einem Bergson, der eine nichtquantifizierbare Erlebniswirklichkeit stark macht und einem geschlossenen Verweisungssystem aus Symbolen situieren, was er mit Hilfe Lacans durchführt. Hier kommt das Imaginäre ins Spiel, das im zweiten Teil des Buches behandelt wird. Der Übergang vom Symbolischen zum Imaginären wird dabei diskursanalytisch von Ernst Cassirer her vorgenommen, der in seiner Spätphilosophie das Außersymbolische entdeckt. Da Cassirer dabei von Jacob von Uexküll inspiriert worden ist und Jacques Lacan ebenfalls das Werk des Biologen für seine Zwecke heranzog, ergibt sich hier ein Anknüpfungspunkt.

Auf den Punkt gebracht, versteht der Autor das Imaginäre zunächst als Entgegensetzung zum Wirklichen. Das Medium des Imaginären ist dabei das Bild in seinen einzelnen Erscheinungsformen (Fotografie, Vorstellung, mimetische Darstellung etc.) und bei Lacan der Affekt als Trieb, der in seinen Überformungen stark der Bildhaftigkeit zuspricht. Im wissenschaftlichen Erkenntnisprozess hat das Imaginäre die Rolle, eine These zu sein, eine Richtung vorzugeben, der nachgegangen wird, um so den Entwurf zu falsifizieren oder zu zu verifizieren. Mit anderen Worten ist das Imaginäre oft nur eine Etappe, das Reale zu erreichen.

Wörler will darüber hinaus gehen und zeigt, dass die imaginäre Setzung bestimmter Figuren sowohl für primitive Lebensformen wie auch für den Menschen erkenntnistheoretische Probleme löst, ohne sich selbst dabei aufzulösen. Ideeengeschichtlich finden sich Beispiele für diese Figuren im lumen naturalis etwa bei Descartes oder in in der prästabilierten Harmonie bei Leibniz. Sie stellen jeweils Kausalbezüge her und schlagen Brücken zwischen Innen und Außen, Subjekt und Objekt so wie zwischen Materie und Geist. Sehr anschaulich wird die Rolle des Imaginären in der Biologie aufgezeigt, die mit imaginären Setzungen arbeitet, um die Organismen zu verstehen, die ihrerseits mit solchen Setzungen ihre Umwelt erfassen. Selbst ein niederer Organismus ist so konstituiert und konstituiert seine Lebenswelt auch auf Basis von imaginären Elementen.

Das Imaginäre lässt sich vom Realen so abgrenzen, dass es nur eine Welt gibt, aber für jedes Lebewesen eine so spezifische, dass die Hunde-Welt nicht mit der Welt der Katze und nicht mit der des Menschen übereinstimmt. Die Unterschiede der Weltenbildung ausgehend von Bedürfnissen, den Interessen und der Intelligenz führen zu einer Pluralität der Welten, die aus der Perspektive eines naturwissenschaftlichen Realitätsbegriffs von imaginären Elementen geprägt sein müssen. Umgekehrt ist aus der Perspektive einer Pferde-Welt das Reale der Objektivität nicht die Realität schlechthin, da die Lebenswirklichkeit ihre eigene Welt bildet.

Sind Imaginäres und Symbolisches somit näherungsweise eingekreist, fragt sich, welche Rolle das Reale in der Trias Lacans haben kann. Im dritten Teil des Buches (183 ff.) geht Frank Wörler dem Realen als das widerständige Element nach, das sich vor allem dort zeigt, wo Symbol und Imagination die Wirklichkeit nicht bewältigen. Man würde eigentlich erwarten, dass es dominiert und allem seine Struktur aufdrängt, doch Lacan sieht diese Bestimmung vom harten Widerstand des Wirklichen wiederum überformt von den beiden anderen Aspekten. Die Stärke Lacans liegt darin, von biologischen Notwendigkeiten auszugehen und bei höheren Lebewesen aus dieser Biologie in actu das Symbolische und Imaginäre als Funktionsträger hervorgehen zu lassen, die dann das Reale wesentlich für sich einnehmen. In dieser funktionalen Dialektik bringt sich das Reale also an einem bestimmten Punkt in eine randständige Position und kann sich ausgehend von seiner ursprünglichen Wirkmacht nur noch bemerkbar machen, aber nicht mehr dominieren. Für Lacan bleibt das Reale ein Rest.

Autor Frank Wörler will darüber hinaus gehen und stützt sich dabei insbesondere auf Peirce. Dieser lässt Rationalismus, Empirismus und Idealismus hinter sich, indem er eine pragmatistische Phänomenologie entwirft, die er phaneron nennt. Dem Realen kann man sich als Mensch wie als Wissenschaftler nähern, es aber nie erreichen. Es zeigt sich in der Form des Widerstandes und der Überraschung, ein Element, das Merleau-Ponty in seinem Werk besonders herausgestellt hat. Das Reale als Funktion ist dementsprechend der konkrete Widerstand im Aktualgeschehen.

Und was bleibt von Das Symbolische, das Imaginäre und das Reale ? DieUntersuchung ist eine Mischung aus ideengeschichtlicher und systematischer Absicht. Sie will eine Erkenntnistheorie entwerfen und zugleich bestimmte Autoren aus dem 19. und 20. Jahrhundert philosophiehistorisch skizzieren. Das Ergebnis ist eine Abfolge von Referaten zu Cassirer, Lacan, Bergson, Lévi-Strauss, Uexküll, Sartre, Merleau-Ponty, Meyerson und Peirce, in der das so aufbereitete Material nicht weiter verdichtet wird und dem Leser damit das Problem bereitet, nie genau zu wissen, welche Funktion die Diskussion eines Autors für das systematische Interesse hat.

Der Autor folgt einer Politik der Suspension bestimmter Gegensatzpaare und Differenzen (Innen/Außen, Wirklichkeit/Möglichkeit/Notwendigkeit, subjektiv/objektiv etc.), die in durchgestrichener Form aber weiter beibehalten werden. In dieser Rückbindung an das bereits Überwundene wird ein Halt gefunden, der in einer aufgelösten Ordnung doch noch so etwas wie eine Struktur aufrecht erhält. Der Autor dekonstruiert dabei nicht so wie etwa Jacques Derrida Positionen, sondern geht hermeneutisch vor. Den hermeneutischen Denkweg im Endergebnis zu belassen, entspricht aber nicht einem unvordenklichen Grundrecht des Hermeneutikers, sondern ist in diesen Fall oft hinderlich.

Positiv an Wörlers Untersuchung ist die Darstellung gleich einer Reihe unbekannter oder bereits wieder vergessender (französischer) Autoren. Die deutschsprachige Literatur über Émile Meyerson beispielsweise ist so dünn gesät, dass hier die seltene Möglichkeit besteht, mit einem gehaltvollen Autor in Kontakt zu kommen. Die Aufbereitungen der einzelnen Autoren ist immer auf der Höhe und hat eine durchgehend hohe Qualität.

Wer sich in das Thema „Erkenntnistheorie und Imaginäres“ bereits ein wenig auskennt, wird sich auch an der mangelnden Lesbarkeit nicht stören, weil er hier die Elemente vorfindet, welche die Thematik voran bringen. Die Dialektik und gegenseitige Durchdringung des Realen, Symbolischen und Imaginären ist von Wörler im Detail sehr gut ausgearbeitet und bietet die Art Kleinteiligkeit, die man zu einer weitergehenden Diskussion auch braucht. Lacan als Kronzeugen einzubringen ist von der Grundidee her auch stichhaltig, wenn man später über ihn hinausgeht. Die sehr gute Idee bleibt im Ansatz, zeigt aber, wie man das Ineinander und Durcheinander der Kategorien entwirren kann, um zu neuen Begriffen zu kommen, die auch ohne ihre dialektisch bereits überwundene Herkunft bestehen können.

Sebastian Knöpker