Verbot und Transgression

Zur Dialektik von Begehren/Gesetz in Auseinandersetzung mit Jacques Lacan

Rolf Kühn (Freiburg im Breisgau)

typhon hongkongGibt es bei Freud einen gewissen Fortschritt für das Subjekt, insofern es vom Es zum Ich unter Anerkennung der Realität voranschreiten kann, so ist der Fortschrittsgedanke sowohl bei Lacan wie in einer radikalen Phänomenologie problematisch, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Ist nämlich die radikale Lebensselbstgebung ohne Aufschub und Entzug, dann ist sie im transzendentalen Sinne endgültig, wodurch Arché und Telos zusammenfallen, was in einer entsprechenden Therapieform mit dem Selbstempfinden als absoluter Subjektivität korrespondiert.

Lacan weist seinerseits die Idee zurück, durch die analytische Technik könne das Gute oder das Heil des Menschen erreicht werden, was in diesem Beitrag eine besondere Untersuchung zu Verbot/Transgression motiviert hat. Die „Realisierung des Seins“ lässt sich bei Lacan als Anerkennung der „Herrschaft des signitiven Todes“ verstehen, anstatt einem stets verschobenen imaginären Herrn (Signifikant, Symbol, Andersheit) als Gebieter über unser Begehren zu dienen. Das analytisch-ethische Therapieziel bei Lacan ist daher weder ein Wissen noch ein Zustand, sondern ein Zugang zu jener „Realisierung des Seins“ unter dem Primat des Todes als ein von der bisherigen Geschichte des Einzelnen geprägter Weg, indem jene Teile dieser Geschichte dem Subjekt wieder verfügbar gemacht werden sollen, die als unvereinbar mit dem Idealbild des Ich verdrängt wurden, um auf diese Weise die bisherigen rätselhaften Seiten des Begehrens zu integrieren.

Dieses Wissen bleibt jedoch eher ein Nichtwissen, weil ein Fehlen/Verschwinden anzuerkennen sei, welches zugleich die bleibende „Kluft“ zwischen Sein/Sinn bildet, sofern man letztere irrtümlicherweise als feste Identität denken sollte. Insofern ergeben sich hier auch Übereinstimmungen wie Unterschiede zur phänomenologisch fundierten Daseins- und Existenzanalyse, da durch letztere kein Sinnabschluss der Existenz gesucht wird, sondern nur ein authentisches Verhalten in allen Umweltbezügen bzw. ein je neuer situativer Sinn, welcher ständiger Veränderung unterliegt.

ganzer Text (19 S.) als PDF:

Lacan_Verbot_Transgression