Die Kunst der Durchflüsterung bei den Wüstenvätern

Wüstenvater_Cover_midWüstenväter werden die ersten christlichen Mönche genannt, die im 3. und 4. Jahrhundert in den Wüsten Ägyptens und des heutigen Syriens lebten. Antonius der Große († 356), Evagrios Pontikos (345-399), Johannes Cassianus (360-435) und viele Andere haben dort je nach ihrer Persönlichkeit neue Lebensweisen ausprobiert, indem sie einen tiefen christlichen Glauben mit praktischer Psychologie verbanden.


Durchflüsterung bezeichnet das stumme Selbstgespräch im Menschen, dass sich als Teppich aus plötzlichen Einfällen, Sorgen, Erinnerungen, Ängsten und kleinen Erzählungen am Rande bildet. Jeder Gedanke fällt dabei für sich genommen nicht ins Gewicht, aber wenn die eine Stimme vergeht, dann schließt sich die nächste gleich an, so dass die Durchflüsterung selbst nie aufhört.
Die Kunst der Durchflüsterung bei den Wüstenvätern besteht darin, das Selbstgespräch auf die Weise durchgreifend zu renovieren, ein aufgeräumtes Soliloquium zu erhalten. Es geht um eine Kunst, den alltäglichen Strom der Gedanken, Wünsche und Vorstellungen um die wimmelndsten und trügerischten Elemente zu erleichtern und sich so ein gutes Maß an Souveränität und an geistiger Frische im Denken zu sichern.

onomato Verlag Düsseldorf

Autor: Sebastian Knöpker

Sprecher: Axel Grube

ISBN 978-3-944891-46-0

9.80 €

Ellen Wilmes: Zen und Phänomenologie des Lebens

Wie ist es möglich ein Augenblick Leben zu leben, zu sehen, zu bemerken, es sichtbar zu machen? Wie ist ein Augenblick zu beschreiben? Wie ist „Leben“ und „leben“ zu beschreiben?

Die Begrifflichkeit – Augenblick – wurde von mir gewählt, weil dieses Wort die Bedeutung im Zen schlechthin ist, sowie – Leben/leben – das Wort schlechthin der radikalen Lebensphänomenologie ist. Im Zen ist der Augenblick die Wahrheit, die alles umfasst und in ihrer Wahrheit alles offen lässt – so frei wie der Wind ist.

„Der Buddha sagt: »Alle Dharmas sind letztlich frei und bleiben nirgendwo. «“ 1

In der radikalen Lebensphänomenologie ist die Wahrheit das Leben, das Leben, das sich selbst lebt, sich selbstaffizierend ins Leben setzt, sich selbst offenbart – frei und unabhängig.

„Und was wäre mehr die Wurzel von allem, was ‘ist’ und ‘erscheint’, als ‘das Leben’?“2

Und

„die Wahrheit in mir [ist] – meine eigene Gewißheit -, […], denn sie ist in der Tat keinerlei Denken, […], sondern […] die Wahrheit des Lebens, die Ur-Intelligibilität, von der wir sprechen. 3

Was tragen diese beiden Auffassungen dazu bei, zu begreifen, was der Augenblick Leben im Augenblick leben bedeutet? Weshalb sollte es eine Bedeutung haben, sich darüber im Klaren zu sein oder zu werden?

[...]

Volltextversion: Ellen Willmes – Zen und Lebensphänomenologie

 

1 Dōgen Zenji 2013a, S. Bd.1, 199.

2 Henry 1992, S. 17.

3 Henry 2002b, S. 410.

Lebensphänomenologie und indische Advaita-Vedanta-Lehre

Johannes Kraus von Sande

Dvaita bedeutet Zweiteilung, das duale Prinzip als metaphysische Grundannahme. Einige philosophische Schulen gehen vom Grundgedanken der Trennung von Geist und Materie oder auch geschaffener Welt und übergeordnetem Sein aus (ontologischer Dualismus), während andere Richtungen von nur einem umfassenden Sein ausgehen (ontologischer Monismus) oder hinter Geist und Materie ein übergreifendes Prinzip vermuten (Neutraler Monismus).

Letzterem Prinzip, von dem auch verschiedene europäische Philosophien (z. B. die Lebensphänomenologie nach Michel Henry) ausgehen, entspricht der Lehre von der “Nicht- Zweiheit” (Advaita). Vedanta bedeutet „das Ende des Wissens“. Dies wird oft im Sinne von “Gipfel” oder “Kulminationspunkt” oder „die ultimative, höchste, letzte Antwort“ interpretiert. Vedanta als “Ende des Wissens” bedeutet jedoch richtigerweise, dass unser konventionelles Wissen auf der Grundlage von lediglich symbolverhaftetem Denken (Wörter, Zahlen) erlangt wird und auf der Basis objektivierenden und abstrahierenden Denkens eine lediglich quantitative Sicht von Zeit und Raum vermittelt. Diese sehr eingeschränkte Perspektive auf das Sein vermittelt uns eine sehr unzureichende und lückenhafte Vorstellung von der Wirklichkeit, welche die sinnlichen Naturqualitäten, die Subjektivität und damit letztlich das Leben selbst aus unserer Wahrnehmung ausklammert. Unsere Aufgabe im Sinne einer Bewusstseinsschulung liegt also darin, neben dem quantitativen Denken das unmittelbare Erleben und die unmittelbare Wahrnehmung, Emotionen und Intuition als qualitative Erkenntnisquelle zu erschließen. “Vedanta” bezieht sich auch auf die Schriften der Upanishaden, die als letzte Teile der Veden (Veda bedeutet „Wissen“) ihre Zusammenfassung und Schlussfolgerung auf den Punkt bringen sollen.
Advaita Vedanta ist die prägendste Philosophie der Upanishaden und damit mindestens 2500 Jahre alt. Ihr Kern entspricht der „tantrischen Mystik“, die zur Grundlage des gesamten Hinduismus und später auch des Buddhismus wurde (vor allem Vajrayana, Mahayana, tibetischer Buddhismus). Vieles spricht dafür, dass diese Lehre sogar 5000 Jahre oder älter ist. Untrennbar mit dem Advaita Vedanta verbunden ist der Name des Philosophen Shankara (788 – 820), der klassische monistische Schriften (Upanishaden, Bhagavad Gita, Brahma Sutras) kommentierte und eine eigene Schrift über die Philosophie des Advaita verfasste. Shankara rief in Indien zehn Mönchsorden ins Leben, deren Mitglieder als Swami bezeichnet werden – sie erhalten und verbreiten dieses uralte Wissen bis in unsere Tage.
Das „Ende des Wissens“ gewährt uns Hilfestellungen, wenn es um die ganz grundlegenden Dinge des Lebens und der Wirklichkeit geht, wenn wir uns fragen, weshalb die Welt existiert, wie das Verhältnis zwischen Gott und Mensch ist, was nach dem Tod geschieht, was Befreiung oder Erlösung bedeutet, was Erleuchtung sein oder bewirken kann, weshalb menschliches Leiden möglich ist, wie es sich rechtfertigt und wie es überwunden werden kann.
Der gemeinsame Urgrund von Geist und Materie wird im
Advaita Vedanta „Brahman“ genannt. Brahman ist das allumfassende, das universelle Bewusstsein, das alles durchdringende, göttliche, namenlose, formlose, zeitlose, absolute, unveränderliche und allem innewohnende Prinzip. Der Gegensatz dazu ist “Atman”, unser an die Vorstellung unserer Körperlichkeit gebundenes, individuelles Bewusstsein.

Brahman ist unabhängig von und jenseits der Notwendigkeit einer Schöpfung und zugleich in der geschaffenen Welt in jeder Manifestationsform enthalten. Die sicht- und erfahrbare Welt ist sowohl Ausdruck, Form und Wesen Brahmans als auch eine Verschleierung des wahren Wesens. Als Verschleierung des allumfassenden Seins wird sie als Maya bezeichnet. Hierzu ein Zitat von Marin Mittwede: „Maya ist die faszinierende, irreführende Täuschung, welche die tatsächlich unwirkliche, bedingte Natur mit ihrer verführerischen Mannigfaltigkeit als letztendliche Wirklichkeit erscheinen lässt. Maya ist ein Bewusstseinsphänomen, das Ergebnis einer mangelhaften Wahrnehmung.“

Das Zusammenspiel von Brahman, Atman und Maya ist Gegenstand und zugleich zentrales Element der Advaita-Vedanta-Lehre. Die Eigenarten dieser Wesenheiten müssen zutiefst reflektiert und in fortgeschrittenem Stadium zunehmend gefühlt und unmittelbar erfasst und wahrgenommen werden, wenn man den Weg des Advaita Vedanta ernsthaft und erfolgreich einschlagen will. Das Nichterkennen von Brahman in der geschaffenen Welt wird als Bewusstseinszustand Avidya genannt. Avidya bewirkt, dass wir einerseits das Unwirkliche (Maya) für wirklich halten, weil es sich unseren Sinnen leichter zugänglich zeigt, obgleich es wie ein schlechtes und ungenügendes Abbild des allumfassenden Seins ist. Andererseits halten wir die Wirklichkeit – Brahman, das Göttliche – für unwirklich, nur weil wir es nicht unmittelbar und ohne Bewusstseinsschärfung sehen oder fühlen können.

Die verbreitete Unfähigkeit, die Wirklichkeit zu erkennen, wird durch das Phänomen der Überlagerung erklärt. Dieses Prinzip, das in Sanskrit Adhyaropa genannt wird, verbirgt das eigentliche und ursprüngliche Wesen der Realität, indem dieses durch den Glanz der verschiedenartigen Erscheinungen der geschaffenen Welt verdunkelt wird. Maya, die Welt der Erscheinungen und der Abbilder ist nur Illusion, erscheint aber dem unbedarften Betrachter so wirklich, dass die unendliche Fülle der allumfassenden Wirklichkeit dahinter nicht mehr wahrgenommen wird.

Der Jnana Yogi versucht, die Überlagerung klar zu erfassen und wendet seine ganze Energie und Aufmerksamkeit auf das Einswerden mit der allen Erscheinungen zugrunde liegenden Wirklichkeit.

Große Übereinstimmungen mit dieser Lehre finden sich in den Schriften des Philosophen Rumi oder auch des christlichen Mystikers Meister Eckhart, der Theologin Simone Weil, aktuell beispielsweise auch in der Lebensphänomenologie nach Michel Henry oder Rolf Kühn.

Neben der zentralen Grundlage des ontologischen Monismus weisen beide Lehren (Advaita-Vedanta und die Lebensphänomenologie) weitreichende Gemeinsamkeiten hinsichtlich des Modells einer Ich-Konstitution, der Theorie des Bewusstseins und darüber hinaus auch der Erkenntnistheorie auf. Dem Leben als absoluter Selbstaffektion des allumfassenden Seins ist ein „Da“ oder „Vor“ im Sinne einer horizontverwiesenen Manifestation seiner selbst nicht gegeben, da es ansonsten aus sich selbst herausgehen und sich als ein Phänomen der Äußerlichkeit manifestieren würde. Eine derartige Vorstellung könnte als „Maya-Illusion“ des „Atman“ im vorgenannten Sinne interpretiert werden, die den Bewusstseinszustand des Avidya, eine fragmentierte, quantitative, exteriorisierte, symbolverhaftete, abstraktive und nur vermeintlich objektive Weltsicht nach sich zieht. Dahinter verschwindet die gleichsam verdunkelte, unmittelbare Wahrnehmung von „Brahman“ in den sinnlichen Naturqualitäten, verbunden mit der Geringschätzung qualitativer Bewusstseinsinhalte und der damit verbundenen Subjektivität im Sinne einer weit verbreiteten Unfähigkeit, die Wirklichkeit zu erkennen (Avidya).Das allumfassende Sein (Brahman) wurde durch die Maya-Illusion überlagert (Adhyaropa). Eine derartige Erkenntniskultur und „Weltsicht“ verstellt daher den Blick auf das Sein selbst und seine direkte Wahrnehmungsmöglichkeit und klammert somit gerade das Leben aus ihr aus.